Oberliga: Empor und Medizin auf Reisen

joomplu:536In der Oberliga stand am 19./20.11. die erste Doppelrunde auf dem Programm. Nach vier Jahren Unterbrechung - in Medizins Abstiegssaison war man getrennt unterwegs - sind die Erfurter Teams von Empor und Medizin nun wieder Reisepartner. Am vergangenen Wochenende ging es nach Marburg, wo neben dem gastgebenden SK noch der SV Oberursel wartete. Beide Mannschaften sieht das Ligaorakel im Mittelfeld, so dass man sich durchaus Chancen ausrechnete, den einen oder anderen Punkt mitzunehmen.

Diese erhielten auf Seiten Empors jedoch einen frühen Dämpfer. War Mannschaftsleiter Harald Bergmann aufgrund der geplanten Aufstellung (inkl. eines Ersatzspielers auf Abruf) im Vorfeld noch zuversichtlich, musste man nach zwei kurzfristigen Absagen zu siebt antreten.

Nachdem Moritz Weishäutel früh in Verluststellung geriet, lag man bereits 0-2 zurück. Guten Stellungen an den Brettern 1, 3 und 6 standen zu diesem Zeitpunkt schlechte an 5 und 8 gegenüber. Während GM Henrik Teske sicher punktete, verlor Stephan Sieber seine Partie noch und auch Jens Buckan konnte seine Stellung nicht halten. Im Gegenzug suchte Tim Nicolai in schlechterer Stellung seine Chancen im Angriff und profitierte bei seinem Sieg möglicherweise auch von der gegnerischen Zeitnot. Ebenfalls in Zeitnot entschloss sich Peter Michalowski mit Mehrbauern den nächsten Bauern zu nehmen und konnte nach den folgenden Verwicklungen froh sein, noch in einem Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern zu landen. Allerdings besiegelte dieses Remis zugleich die Mannschaftsniederlage. Die längste Partie spielte Wiede Friedrich, der diese für uns kommentierte:

[pgn height=600 autoplayMode=none initialGame=first]

[Event "Oberliga Ost B"]
[Site "Marburg"]
[Date "2016.11.19"]
[Round "2"]
[White "Friedrich, Wiede"]
[Black "Dorst, Johannes"]
[Result "1-0"]
[ECO "E70"]
[WhiteElo "2296"]
[BlackElo "2197"]
[PlyCount "131"]
[WhiteTeam "Empor Erfurt"]
[BlackTeam "Marburg"]

1. d4 Nf6 2. c4 g6 3. Nc3 Bg7 4. e4 d6 5. Bd3 e5 6. d5 a5 7. Nge2 Na6 8. Bc2
O-O {Stellung nach 8...0-0. Beide Seiten haben bis hierhin neutrale Züge
gemacht, müssen sich nun aber entscheiden welche Pläne sie verfolgen. Als
Weißer kann ich entweder rochieren und die Bauern am Damenflügel in Bewegung
setzen, was zu einer typischen zweischneidigen Königsindischen Partie führen
würde oder den König vorerst in der Mitte lassen und versuchen mit h2-h3,
g2-g4, Sg3 dem Schwarzen beim Königsflügelangriff zuvorzukommen. Mein Gegner
hat unterdessen die Wahl zwischen den Bauernhebeln f7-f5 und c7-c6.} 9. h3 Nd7
{ein wichtiger Zug, der sowohl das weiße Damenflügelspiel erschwert als auch
den Weg für den Vorstoß f7-f5 und für die Dame nach h4 freimacht, was das
weiße g2-g4 für den Moment unattraktiv werden lässt.} 10. a3 $2 {Weiß bereitet
b2-b4 vor, unterschätzt dabei jedoch die in der Folge entstehenden Schwächen
am Damenflügel. Besser geschah hier 10. 0-0 Sb6 11. b3 f5 12. exf5 gxf5 13.
Le3=.} Nb6 11. b3 f5 12. exf5 gxf5 13. O-O Qh4 14. Rb1 Bd7 {Schwarz hat das
Eröffnungsduell gewonnen. Seine Dame, die Läufer, der Königsturm sowie die
Bauern f5 und e5 kontrollieren das Zentrum und haben Ambitionen in Richtung
weißer König. Auf der anderen Seite kontrollieren die Springer das weiße
Gegenspiel. Die weißen Steine stehen weniger harmonisch und der Bauer h3 ist
zu einem echten Sicherheitsrisiko geworden.} 15. Be3 $5 {droht den Tausch auf
b6 gefolgt von b2-b4, erlaubt Schwarz jedoch einen direkten Königsangriff, der
in der Folge das Spielgeschehen bestimmen wird.} f4 16. Bxb6 f3 17. Be3 fxg2
18. Kxg2 {ursprünglich wollte ich an dieser Stelle 18.Te1 spielen, übersah
jedoch, dass ich nach 18...Dh3 19. Sg3 Lg4 20. Dd3 Lf3 21. Dh7 Dh7 22. Lh7 Kh7
23. Sce4 mit der Idee Sg5 ausgleichen konnte.} Bxh3+ 19. Kg1 Rf3 $8 {ein
multifunktionaler Zug, der gefährlich Dg4 und in manchen Abspielen Th3-h1
droht, aber auch allgemein das Festsetzen eines weißen Springers auf g3
erschwert, f2-f3 blockiert und das Nachrücken des anderen Turms ermöglicht.}
20. Ne4 $8 {kontrolliert das wichtige Verteidigungsfeld g3 und unterbindet
eine Einmischung des g7-Läufers.} Raf8 21. N2g3 {Auf die hängende Qualität auf
f1 kann noch keine Rücksicht genommen werden, z.B. 21. Te1 Lg4 22. S4g3 Te3 23.
fxe3 Tf2-+. Gleichwohl ist es auch gar nicht nötig, da Weiß gerne den starken
Läufer auf h3 eintauschen würde.} Qg4 {Der Plan mit dem Bauern auf h7 den
Springer auf g3 zu kassieren ist primitiv, aber hoch wirksam.} 22. Re1 h5 23.
Kh2 h4 24. Rg1 hxg3+ 25. Rxg3 {Weiß behält Kontrolle über den Knotenpunkt g3 -
auf Kosten des Materialvorteils.} Qh5 $2 {die erste große Ungenauigkeit von
Schwarz in einer bisher gut gespielten Partie. Wichtig war, den Druck auf g3
mittels 25... Dh4 aufrechtzuerhalten, um die weiße Konsolidierung zu
erschweren.} (25... Qh4 26. Kg1 Bg4 27. Qe1 Nc5 28. Nxc5 dxc5 29. Be4 Qh5 $11)
26. Kg1 Bg4 27. Qd2 b6 {Laut Stockfish der Zweitbeste, meiner Meinung nach
jedoch der Wendepunkt in der Partie zum Schlechten für Schwarz. Besser geschah
sofort 27... Sc5 zur Belebung dieses partielangen Zaungasts. Z.B. 27...Sc5 28.
Lc5 dxc5 29.Dg5 Dg5 30. Sg5 Tg3 31. fxg3 Lh6 32. Se6 Le3=+ mit erheblichen
Schwierigkeiten für Weiß.} 28. b4 axb4 29. axb4 Rxg3+ 30. Nxg3 Qh3 31. Be4 {
Die weißen Figuren harmonieren jetzt und die Königsstellung ist ähnlich gut
bzw. schlecht wie die von Schwarz. Zumindest aber bestehen keine unmittelbaren
Gefahren mehr und Weiß kann sich endlich dem Damenflügel zuwenden.} Bf6 $2 {
ein verständlicher Zug, der sowohl eine defensive Läuferstellung auf d8 als
auch einen offensiven Einstieg auf h4 ermöglicht. Allerdings ist es in
Anbetracht der weißen Möglichkeiten zu langsam und es hätte stattdessen ein
schnelles Gegenspiel mit 31... Lf3 32. Lf3 Tf3= geschehen müssen. Grund für
den Qualitätsabfall der nächsten Züge ist sicherlich die beidseitige Zeitnot.}
32. Qd3 $2 {Mit 32. Ta1 Sb8 33. Ta7 Tf7 34. Lg5+- hätte ich sofort großen
Druck ausüben können.} Kh8 33. Ra1 Nb8 34. Ra7 Bd8 35. c5 $2 {übersieht 35.
Lb6 cxb6 Th7+-.} Nd7 36. cxd6 cxd6 37. Bg2 Qh4 38. Qg6 Rf6 39. Qc2 Rf7 40. Qg6
Rf6 41. Qc2 {ein Manöver zur Überbrückung der Zeitnot} Nf8 42. Qc1 Rg6 43. Qc6
Bh3 $1 {begegnet den weißen Drohungen auf e8 einzufallen und gegen d6 und b6
mit der Konterdrohung Tg3. Weiß muss präzise reagieren, da seine Schwerfiguren
hinterm Mond logieren.} 44. Rf7 $8 Nh7 {besser als} (44... Kg8 $2 45. Qe8 $18 {
oder}) (44... Bxg2 45. Rxf8+ Kg7 46. Rxd8 Qxd8 47. Kxg2 $18) 45. Qc2 $8 Rg7 46.
Rxg7 {Den Turmtausch wollte ich vor wenigen Zügen noch vermeiden, da mein Turm
die schwarze Stellung erheblich flankierte, nun kam es mir jedoch sehr gelegen,
den schwarzen Angreifer aus dem Verkehr zu ziehen.} Kxg7 47. Qc6 Be7 48. Qxb6
$6 {Das verschmälert den Pfad zum Gewinn enorm. Besser war mit 48. De8 gefolgt
von Le4 die verfahrene schwarze Figurenkonstellation auszunutzen. Z.B.
scheitert 48...Lg4 an 49. f3 Lh3 50. Lf2+-.} Kf7 49. Qb7 Bxg2 50. Kxg2 Qc4 {
Schwarz gewinnt einen Bauern zurück, hat dafür aber große Mühe, den
b-Freibauern zu stoppen.} 51. b5 $8 Nf6 52. b6 Nxd5 53. Qa8 $2 {Die Stellung
ist hiernach objektiv remis, da die Dame hier zu dezentral steht. Es musste 53.
Dd7 erfolgen, wovor ich mich in meiner erneuten Zeitnot jedoch scheute, da ich
die lange Diagonale nicht verlassen wollte.} Nxb6 $4 {Der Verlustzug.
Glücklicherweise für mich hatte auch mein Gegner nicht genügend Zeit, sonst
hätte er möglicherweise entdeckt, dass ich nach 53... Se3 das Dauerschach nur
ungünstig hätte abwenden können.} (53... Nxe3+ 54. fxe3 d5 $3 {würde nun die
Abseitsstellung der weißen Dame auf a8 ausnützen.} 55. b7 Qc2+ 56. Kh3 Qh7+ 57.
Kg4 $4 e4 {[%csl Rg4] und der weiße König könnte sich dem Matt nur teuer
entziehen.}) 54. Bxb6 {Nun jedoch hat Weiß keinerlei Probleme zu gewinnen.} Qb5
55. Qb7 Ke6 56. Qc8+ Kf7 57. Qf5+ Ke8 58. Be3 Qd5+ 59. Kh2 Qf7 60. Qc8+ Bd8 61.
Bb6 Qd7 62. Qb8 {Diese letzte Feinheit ist wichtig, da nach dem Abtausch auf
d8 Schwarz mit dem König hinter den Bauern auf e5 und d5 remis hielte.} Ke7 63.
Bxd8+ Qxd8 64. Nf5+ Ke8 65. Nxd6+ Kd7 66. Qxd8+ 1-0

[/pgn]

Spannender ging es im Parallelkampf zu, wo Medizin dem favorisierten Team aus Oberursel einen harten Kampf bot. Zu nennen sind hier das Remis von Janis Wehner am Spitzenbrett gegen IM Jacek Dubiel sowie der Holländisch-Sieg Matthias Jakobs - bereits sein zweiter nach der Auftaktrunde. Am Ende konnte leider Matthias Hausknecht sein Endspiel gegen IM Boris Margolin letztlich nicht halten und es stand eine 3,5-4,5-Niederlage.

Am Sonntag wurden die Emporspieler von der Aufstellung Oberursels überrascht: Im Vergleich zum Samstag wurden gleich vier Spieler ersetzt. Moritz Weishäutel nahm mit den schwarzen Steinen ein frühes Remisgebot an. Henrik überlegte lange an einer komplizierten Fortsetzung, spielte sie dann doch nicht und musste sich bei knapper Zeit mit einem Remis zufrieden geben. Ebenfalls mit einem Remis endete Jens' Partie. Nach zweifelhafter Eröffnungsbehandlung seitens des Erfurters konnte Stephans Gegner seine Vorteile nicht nutzen und geriet sogar in Nachteil. Besser machte es da (leider) Tims Gegner, der mit den Weiß gegen einen Holländer früh bequem stand und letztlich gewann. Peter geriet nach unambitionierter Eröffnungsbehandlung langsam in Nachteil und musste letztlich dankbar für das gegnerische Remisgebot sein. Blieb noch Wiede, dem es nicht gelang seinen Mehrbauern in etwas Zählbares zu verwandeln, was wieder eine knappe Niederlage bedeutete.

Medizin geriet gegen Marburg trotz eines weiteren Sieges von Matthias Jakob - nun mit 3/3 - recht schnell in Rückstand. Bei 1,5-3,5 liefen schließlich noch drei Partien, in denen die Erfurter sich bemühten, den Rückstand aufzuholen. Doch nachdem zuerst Gunnar Kirschbaum seinen Mehrbauern nicht verwerten konnte, endeten die Partien von Kristin Müller-Ludwig und Huy Dat Nguyen (siehe Foto) ebenfalls remis.

Letztlich kehrte man also mit leeren Händen zurück und bleibt im hinteren Teil der Tabelle. Die nächsten Chancen bieten sich aber bereits in der 4. Runde gegen die Frankfurter Teams von BvK (Empor) und FTV (Medizin).